Panorama 94. Ein Bericht aus einer anderen Pan-Welt
Es ist 10 Uhr Abends, ich schwimme in einem Meer aus Tönen, Rhythmen und
Bewegungen. Schweiss tropft in das Pan vor mir, getrieben von der tropischen
Hitze und den nicht mehr verfolgbaren Bewegungen meiner Hände. Wenn ich
aufscheue, sehe ich nichts als Pans, gespielt von ebenso schwitzenden
Menschen, Schwarze, Inder und Weisse. Die 20 Bässe, 30 Cellos und Guitars,
15 Seconds und die 40 Tenors lassen die Luft vibrieren. Die Erde zittert,
naht ein Erdbeben? Ein Blick in die Linse einer auf mich gerichteten
Videokamera eines amerikanischen Touristen holt mich wieder zurück. Ich
befinde mich im Panyard des Renegades Steel Orchestras in Port of Spain,
Trinidad, das sich mit Kitcheners Calypso "Pan Earthquake" auf den baldigen
Panorama vorbereitet. Was ich hier mache? Lasst es mich euch erklären. Von
Claudio Pini

Als ich vor 5 Jahren zum ersten mal eine Aufnahme der Amoco Renegades
Steelband in die Hände bekam, ahnte ich noch nicht, dass ich einmal dort
mitspielen werde. Es handelte sich um das Stück "Pan in A Minor" (zu hören
auf 'Panyard 86' MC, Sanch Electronics), dass ich auch heute noch als eines
der schönsten Panorama Arrangements betrachte. Irgendwo in mir entstand der
Wunsch, einmal so etwas zu spielen, in dieses Bad von Melodien, Rhythmen und
Klängen einzutauchen.
Nach meinem Abschluss am Lehrerseminar beschloss ich, nochmals nach Trinidad
zu gehen. Ich war schon zweimal dort und hatte mit dem Casablanca Steel
Orchestra zum Panorama teilgenommen. Doch ich hatte Lust auf mehr und ging
auf die Suche nach einer Herausforderung im spielerischen Sinn. Mein Ziel
war klar: ich wollte bei den Renegades mitspielen.
So weile ich nun seit dem 12. November in Port of Spain, der Hauptstadt
Trinidads. Einerseits um mitverfolgen zu können, wie die
Karnevalsvorbereitungen sich langsam in den Alltag schleichen, andererseits,
um das Pan-Jazz Festival mitzuverfolgen. Dieses verleitete mich fast dazu,
meine Pans zu verkaufen, da ich so überwältigt war von Panisten wie Narell,
Greenidge, Smith etc. Aber schon bald stellte ich fest, dass sich im alten
Jahr noch überhaupt nichts tun wird. Auch wenn die Saison kurz ist, geübt
wird erst im neuen Jahr. So spielte ich auf meinem Pan (um fit zu bleiben)
oder ich trieb mich bei Tunern und Arrangeuren herum, um mehr über ihre
Arbeitsweise zu erfahren, was mir einige interessante Anregungen für meine
Arbeit als Arrangeur gab. Einige Renegades Spieler, di ich vom letzten
Besuch her kannte, liessen mich dann wissen, wann die Proben beginnen. So
schlich ich mich am 4. Januar zum ersten mal in den Panyard, der im Herzen
der Stadt liegt, bestückt mit meinen Sticks und einem Butterfly-Feeling im
Bauch.
Soeben kommen die Stagesidespieler vom "Pan-Tent" zurück. Sie haben dort
zusammen mit Jit Samaroo, dem Arrangeur, den neuen Teil einstudiert, und
kommen nun in den Yard, um ihn uns den "Roadsidemembern" zu lehren. Alle
schauen auf, eine gewisse Nervosität unter den ca. 45 Tenorspielern kommt
auf. Jeder will den Teil möglichst schnell lernen, um genug Zeit zu haben
ihn zu üben, denn in diesen Tagen fällt der Sectionleader die Entscheidung,
welche 30 von den 45 Spielern auf die Bühne dürfen.
Alle Hälse recken sich, gespitzte Ohren versuchen zu erlauschen was in der
vordersten Reihe unseres Racks (ein Rack hat Platz für 16 Tenors auf vier
Reihen verteilt) gespielt wird. Die ganze Band hat sich nun in einem
summenden Bienenstock verwandelt. Ueberall in der nach Registern
aufgestellten Band werden nun die neuen Teile eingeübt. Ich höre absolut
nichts vom neuen Teil. Soll ich es wagen, mein Tenor zu verlassen, um nach
vorne zu gehen? Das Risiko besteht darin, dass wenn ich zurückkomme
vielleicht ein anderer am Pan steht, da es mehr Spieler als Pans hat.
Plötzlich ein Klopfzeichen, die Band verstummt für einen kurzen Augenblick,
nur um Sekunden später gemeinsam loszulegen.
Die Hälfte der Spieler scheint den Teil schon zu können, der jetzt in einem
schnellen Tempo wieder und wieder gespielt wird. Endlich kommt Bryan, ein
Stagesidespieler neben mich und beginnt den Teil zu spielen. Nach und nach
habe ich ihn dann abgeguckt und kann ihn sielen. Es ist ein einfacher Teil,
zu lernen in fünf Minuten wenn man Ruhe hätte. So aber braucht es mindestens
eine halbe Stunde bis mehr oder weniger alle mithalten können.
Von neuem schweife ich mit meinen Gedanken ab.
Als ich vor drei Wochen in den Yard trat, waren etwa 15 Leute am spielen. Es
hat fast getönt wie in meiner Band, was mich sehr erstaunte. Alle hatten
mich gewarnt, wie schnell es dann losgeht und wie heavy es sei. Eine etwas
holprige Begleitung, wacklige Molodie und noch keine Bässe. Aber das kam
davon, dass viele SpielerInnen schon lange nicht mehr gespielt haben und
sich zuerst anwärmen mussten. Jit ging von Register zu Register, um die
richtige Begleitung zu finden und diese weiterzuzeigen. Es hatte nur zwei
Tenors, aber etliche Spieler. Hinter den zwei an den Pans, die die Melodie
spielen konnten, hatte es eine Schlange von anstehenden Spielern, die den
andern so lange zuschauten, bis sie den Teil mental mitspielen konnten. Also
schloss ich mich an, beobachtete, speicherte und spielte schliesslich das zu
Spielende. Um einfache Dinge zu lernen, konnte ich mir diese Methode ja
vorstellen, aber bei schwierigen Teilen, was dann...
Das anfänglich Holprige war schon bald verschwunden, und es begann so
richtig nach Renegades zu tönen. Es war interessant zu sehen, wie das Stück
fast von Tag zu Tag wuchs, bis es einen Tag vor den Vorausscheidungen,
vollendet wurde. Für mich als Panarrangeur, der auch Arrangements verkauft,
war es sehr aufschlussreich, den verschiedenen Registern zuzuhören. Speziell
die 4-er Cellos faszinierten mich, weil sie während des ganzen Stückes
Gegenmelodien spielen, die den Sound der Renegades zu dem machen, was er
ist.

Geprobt wurde immer nur abends von 8-12 Uhr, manchmal etwas kürzer oder
länger. Es hat mir unheimlich Spass gemacht, wieder einmal so richtig an
etwas zu üben, bis ich es zu 99% konnte (für den ersten Auftritt war das
genug).
Es ist jetzt 12pm Refreshment time. Für alle gibt's etwas zu trinken und zu
essen. Ich sitze mit ein paar Spielern auf der kleinen Tribüne, die es im
Yard hat. Die Touristen, die allabendlich von den Hoteltaxis in den Panyard
gebracht werden, sind längst wieder weg. Es wäre ja viel zu gefährlich...
Es herrscht hier schon ein anderes Klima als in der Casablanca. Ich kenne
fast nur die Spieler meiner Section, was keine Ausnahme zu sein scheint. Es
gibt zwar viele die sich kennen, aber ein "Family Feeling" wie ich es in der
anderen Band erlebt habe, existiert nicht. Bei den Renegades habe ich mehr
den Eindruck eines losen Verbundes, der zwar aus meist guten Panspielern
besteht, die sich am Abend treffen, nur der Musik wegen. Kein gemeinsamer
Ausgang der Band an eine Party oder so. Ich denke, das hängt mit der Grösse
der Band zusammen und damit, dass viele SpielerInnen von weither kommen,
also nicht aus dem gleichen Quartier.
Wir fragen uns, wann wir wohl erfahren werden, wer spielt und wer nicht.
Dies ist die etwas mühsame Seite, wenn man in einer der besten Bands spielt.
Das Zittern wird gross sein, wenn einige Stunden vor dem Auftritt die Namen
der Spielenden verlesen werden.
Es ist soweit. Die grossen 10 Minuten rücken näher. Es ist jetzt drei Tage
später, Panorama Vorausscheidungen. Ich werde doch etwas nervös. Ich hatte
mich so daran gewöhnt, jeden Abend üben zu gehen, so dass es mir gar nicht
mehr recht bewusst war, was das eigentlich heisst, bei dieser Band zu
spielen. Doch jetzt, wo wir inmitten einer riesigen Renegades Supportermenge
die ersten Anwärmrunden spielen und Richtung Bühne steuern, wird es mir
klar, dass wir den Fans etwas schulden, dass ich mein Bestes zu geben habe.
Die 10 Minuten auf der Bühne waren für mich ein unbeschreibliches Erlebnis,
nahe der totalen Pan-Ekstase. Als wir von der Bühne runter waren, die
übrigens die Grösse eines Autobahn-Teilstücks hatte, kam ich mir vor wie
nach einem dreitausend Meter Spurt. Der Vergleich von Panorama und Olympiade
ist nicht allzu gesucht. Ich war froh, nochmals nach Trinidad gekommen zu
sein, denn jetzt habe ich das Gefühl, was Panorama bedeuten kann, voll
ausgekostet. Es ist schon ein Unterschied, ob man in einer serbelnden
Quartierband oder in einer Favoritenband am Panorama teilnimmt.
Abschliessend möchte ich mich zu der Frage äussern, ob es notwendig ist,
nach Trinidad zu gehen, wenn man Pan spielt. Ich denke, das ganze
Panoramageschehen ist eine extreme, "urchige" Seite des Pans. Ausdauer,
Schnelligkeit, Lautstärke und Gigantismus sind vorhanden wie nirgends sonst,
aber sind das die Dinge, die ein guter Panspieler braucht? wer weiss...?
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Glossar:
Panorama:
Wettbewerb an dem einmal im Jahr Trinidads Steelbands gegeneinander
antreten. Es gibt Vorausscheidungen, Zonenfinale, Halbfinal und Final.
Bewertet werden die Bands von 5 Richtern. Der ganze Wettbewerb findet in
einem grossen Park statt, mit Tribünen, die ca. 20'000 Personen Platz
bieten. Gespielt werden Variationen über einen Soca-Hit der Saison, die 10
Minuten dauern müssen.
Rack:
Mobiles Gestell auf Rädern in dem die Pans aufgehängt werden.
Pan-Tent:
Abgeschlossener Raum, in dem während dem ganzen Jahr die Stagesides spielen.
AMOCO Renegades:
Meistens ist der Name des Sponsors im ursprünglichen Bandnamen integriert.
Darum:
AMOCO, AMerican Oil COmpany
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