Standardisierung - was denn, wie
denn, warum denn?
Öfters wenn ich Leute über Standardisierung sprechen höre, begegne ich eher
negativen Gefühlen. "Was soll das; nach der Standardisierung klingen alle
Instrumente genau gleich; all die verschiedenen Klangfarben gehen verloren,
weil nur noch das eine - der Standard eben - gebaut werden darf", usw. Doch
solche Auswirkungen auf einen Gegenstand (oder auch auf eine Dienstleistung
oder sogar auf die Menschen) sind ganz klar nur Ergebnis einer falsch
verstandenen und restriktiv ausgelegten Anwendung der Standardisierung. Von
Micha Frey, Panbauer
Beginnen
wir vorne: Was ist Standardisierung überhaupt? In erster Linie ist dies eine
Methode zur Festlegung, zur Definition, zur Namensgebung. Anhand von in
gegenseitiger Übereinstimmung festgelegten Merkmalen geben wir einem
Gegenstand einen Namen. Ein Beispiel: Wir haben eine Frucht vor uns. Anhand
uns allen bekannten, bestimmten Merkmalen (Form, Geschmack, usw.) können wir
diese Frucht als Apfel erkennen. Es ist also keine Banane, auch keine
Baumnuss, sondern eben ein Apfel. Und wenn ich Apfelkuchen backen will, kann
ich Dich bitten, mir 1 Kilogramm Äpfel zu kaufen. Wenn Du im Laden das
(standardisierte) Wort Apfel sagst, wirst Du nicht mit langen Worten
umschreiben müssen, was Du gerne eingekauft hättest. Ebenso muss ich auch
nicht damit rechnen, dass Du mit Bananen nach Hause kommst (sicher, auch
Bananenkuchen würde gut schmecken, trotz der matschigen, braunen Masse).
Also: Mit dem gegenseitigen Einverständnis, was ein Apfel ist, können wir
uns lange Sätze ersparen und stattdessen darüber diskutieren, was für Äpfel
im Kuchen besser schmecken.
Genauso ist es bei technischen Gegenständen wie dem Pan. Aus der
Geschichte heraus hat man festgelegt, dass ein Instrument aus sechs Fässern,
mit welchem die Noten c2 bis f3 gespielt werden können, als 6er-Bass vom c
bezeichnet wird. Und es ist auf der ganzen Welt dieselbe Bezeichnung.
Wie wird eine Standardisierung festgelegt? Eigentlich können schon zwei
Menschen eine Standardisierung vereinbaren. Doch wenn sie dies willkürlich
machen, laufen sie Gefahr, von ihrer Umwelt nicht verstanden zu werden. Man
stelle sich vor: Zwei Menschen einigen sich einem viereckigen Ledersack
Flasche zu sagen. Nun sagt der eine zu Dir: "Leg' doch bitte meine Kleider
in die Flasche." Für jene zwei klingt es ganz klar und normal; für uns jedoch
absurd, wir wissen nicht was er von uns will. Es ist also von Vorteil, wenn
sich eine grosse Menge Menschen auf dieselben Begriffe einigt. Da staatliche
Verwaltungen mit der Organisation von vielen Menschen betraut sind, liegt es
auf der Hand, dass die industriellen Standardisierungen durch nationale
Ämter koordiniert und systematisiert werden.
Doch nach welchen Mustern und Merkmalen soll man etwas festlegen? Im
technischen Bereich können weitgehend alle Dinge gemessen werden (Länge,
Gewicht, Dichte, Zeit, usw.) Anhand solcher Merkmale kann ein Gegenstand
beschrieben, definiert, also standardisiert werden.
Etwas komplizierter wird es, wenn man Dinge mit einer klaren
Beschreibung und einem eindeutigen Namen zweckentfremdet: Ein Tisch ist ein
Tisch; eine Leiter ist eine Leiter. Wenn ich nun den Tisch benütze, um die
Birne an der Decke auszuwechseln, mache ich den Tisch (der noch immer die
gleichen Masse wie vorher hat) zu einer Leiter; wenn ich danach das Buch
wieder drauflege ist es wieder ein Tisch. Bei solchen Zuschreibungen geht es
schon mehr um das Wesen eines Gegenstandes; um das Verständnis, zu was er
eigentlich dient.
Viel komplizierter wird es bei philosophischen, geistigen Fragen. Wenn
Dinge nur ungefähr und ihrem Wesen nach beschrieben werden können (z.B. was
ist eine Seele), kann diese Beschreibung sehr individuell ausfallen. eine
zweite Beschreibung - ebenfalls individuell - kann ganz anders, sogar
widersprüchlich zur ersten sein. Und niemand kann für sich in Anspruch
nehmen, dass seine Beschreibung die richtige, die andere die falsche ist.
Hier liegt wohl der Kern des Übels falsch angewandter Standardisierung: Mit
Macht, Gewalt, oft auch mit Waffen wird durchgesetzt, dass die Meinung A die
richtige sei; obwohl Meinung B genauso richtig (oder besser gesagt; genauso
wenig falsch) ist. wie die Meinung A. Schlussendlich kann niemand die volle
Wahrheit in Anspruch nehmen und sagen, welches nun richtig und welches
falsch ist.
Glücklicherweise haben wir es mit dem Pan mit einem eher technischen
Gegenstand zu tun. Wir können seine Dimensionen messen, die Tonhöhen
erkunden, usw. So ist ein Tenorpan vom C ein Tenorpan vom C. Ein anderes
Beispiel: Dank praktischer Erfahrungen und Ergebnissen aus der Forschung
konnte man Mindestanforderungen an den Korrosionsschutz durch Nickel/Chrom-Schichten
aufstellen. Der Galvaniseur weiss nun durch den Standard (Schichtdicke von
Nickel mind. 25 µm), welche Mindestanforderungen er in seiner
Produktion erfüllen muss. Der Instrumentenbauer wiederum darf sich darauf
verlassen, und der Käufer und die Käuferin schliesslich werden Freude an
ihrem Korrosion geschützten Instrumenten haben können. Und dies alles ist
möglich, ohne dass Arbeit und Material verschwendet werden müssen, um wieder
und nochmals auszuprobieren, wie viel Nickel es nun für einen ausreichenden
Korrosionsschutz braucht.
Aber schon wenn es um die Klangfarbe des Pan geht, stossen wir an Grenzen.
In den einen Ohren tönt diese Klangfarbe schöner, in den anderen Ohren eine
andere. Ganz speziell beim Pan, wo die Nachbartöne beim Spielen eines Tones
mitschwingen, und so dem Instrument seinen besonderen Klang verschaffen,
sind ganz verschiedene Klangfarben möglich. Daher ist es sinnvoll, z.B. eine
Quintenzirkel-Tonanordnung von einer Invader-Style (Ellie Mannette)
Tonanordnung zu unterscheiden. Und schon sind wieder zwei Standards
festgelegt. Genauso können alle anderen Pan Instrumente mit eindeutigen
Bezeichnungen versehen werden. Wenn diese allen Interessierten bekannt sind,
wird man sich gut und rasch verstehen.
Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich beim Pan um einen
Kunstgegenstand handelt, der eben und gerade wegen der (kleinen)
Klangunterschiede seinen Wert, seinen Reiz, seine Individualität erhält.
Serienmässig 'tupfgleiche' Instrumente herzustellen würde dazu führen, dass
das Pan von einem Kunstgegenstand zu einem simplen Gebrauchsgegenstand (wie
z.B. eine Zahnbürste) verkommt, immer gleich aussieht und auf der ganzen
Welt gleich tönt.
Also: Es macht Sinn, gewisse Merkmale zu Begriffen zusammenzufassen und
diese zu standardisieren (z.B. Tenorpan = Tenorpan). Die gegenseitige
Verständigung und ein möglicher Fortschritt in systematischer Forschung im
und ums Pan werden erleichtert.
Es würde jedoch keinen Sinn machen festzulegen, ein Pan, welches nicht 24cm
tief gearbeitet wurde, sei kein Tenorpan. Die praktischen Ausführungen haben
dies eindeutig widerlegt; es gibt sehr gute und schöne Tenorpans, welche
nicht 24cm tief sind. Ein solcher Standard müsste mit Macht durchgesetzt
werden und wäre somit nicht ein Ergebnis gegenseitiger Übereinkunft.
Ja, wer darf nun bestimmen, was was ist? Meiner Meinung nach (und diese
deckt sich mit allen welche ich bisher gehört habe), ist das Pan in Trinidad
& Tobago entstanden. Die Geschichte hat dort begonnen und wurde bis heute
fortgesetzt. Für mich keine Frage, dass die Panmen aus Trinidad & Tobago aus
ihrer Tradition mit dem Pan das gewichtigste Wort sprechen. Ohne es
überhaupt richtig wahrzunehmen, haben wir schon die meisten Begriffe von
ihnen übernommen (z.B. pan, melody pan, lead pan, tenor pan, usw.)
In den letzten Jahren sind viele Panmen in Trinidad & Tobago an ihre Grenzen
gestossen. Sie haben bemerkt, dass für ein und denselben Gegenstand
verschiedene Begriffe existieren und dadurch ein Wirrwarr entsteht. Sie
haben sich nun das Ziel gesetzt, die Begriffe zu vereinheitlichen, sie zu
standardisieren. Dies soll ermöglichen, dass man in weiterführenden
Diskussionen vom gleichen redet und nicht immer wieder stundenlange
Begriffserklärungen nötig sind. Ebenso wird die Kommunikation mit der ganzen
Welt im und ums Pan vereinfacht, ja erst möglich gemacht.
Also: Keine Angst vor Standardisierung. Doch es gibt genug Möglichkeiten,
die Standardisierung falsch auszulegen und ungerecht zu missbrauchen. Dies
muss verhindert werden.
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