Pan in Polen - neue Klänge für Osteuropa
Wo der Papst die Erde nicht nur einmal küsste - wo der grosse Elektriker
Lech Walesa streikte - wo Dorota und Marcin im Abendrot tanzen - wo unsere
Pans über Schlaglöcher rollen - hier ist "Polska 93", Kebabaluba auf
Tournee... von Doris Meyer

Vor etwas mehr als einem Jahr liefen die Vorbereitungen für unsere
Konzerttournee durch Polen an. Beziehungen wurden ausgeschöpft, Kontakte
auch über offizielle Stellen gesucht.
Endlich, am 2. Juli ist es soweit: Wir können unser Mietauto, ein VW Lt 35,
abholen. Bis jedes Pan und die tausend anderen Dinge ihren Platz gefunden
haben, dauert es eine Weile.
Wenig Schlaf, und schon geht es am Samstag morgens um 3 Uhr los. Lali, Matz
und ich fahren abwechselnd Richtung Nordosten. Ohne Probleme passieren wir
die Grenze. Unser grösster Horror; alles ausladen...! Doch soweit kommt es
zum Glück nie, so geben wir an der Grenze auch kein Konzert.
Rund eine Woche nehmen wir uns Zeit, bis wir in Leba, ganz an der Ostsee,
eintreffen. Wir richten uns auf einem Camping ein. Am Samstag, 10 Juli
stossen unser Reiseleiter Marcin, seine Freundin Dorota mit dem Busfahrer
Janosz und seiner Tochter Martha zu uns. Für die Fahrt durch Polen haben wir
einen 24-plätzigen Car mit Chauffeur gemietet.
Am Freitagabend fahren auch die restlichen 11 der Band in Bern ab und fast
ohne Probleme am Zoll treffen wir uns am Bahnhof in Slupsk. Zur Begrüssung
üben wir Autofahrer uns das erste Mal im "Around-the-neck" spielen.
Mit den Around-the-neck Pans holen wir die polnischen Touristen zu unserem
ersten Konzert auf dem Campingplatz zusammen. Das Konzert schlägt ein und
wird ein "Bombenerfolg"! Polen ist erobert und alle Anfangsängste sind
überwunden! Die zwei Übernachtungen werden uns geschenkt.
Zum ersten Mal wird auch unsere Plakatwand mit den Photos und den polnischen
Texten über unsere Band, Bern und die Entstehung der Pans mit grossem
Interesse gelesen. Noch oft wird diese Plakatwand nebst der Steelmusik
unsere einzige Kommunikationsmöglichkeit sein!
Am
nächsten Tag fahren wir weiter nach Gdansk (Danzig). Konzert in Sopot an der
Mole, leider auf einer Bühne, was die Leute nicht so recht mitzureissen
vermag. Für die nächsten Tage begleitet uns ein "Werbemanager", der für uns
die Bewilligung für das Konzert in der Altstadt und ein Auftritt im Radio
organisiert hat. Wir nennen ihn Impressario, nach seiner Agentur. Zum ersten
mal ist es uns nicht mehr so wohl, wir werden fast vermarktet und für eigene
Werbezwecke für den "Impressario" und seine Bierpartei missbraucht. Marcin
führt die ersten zähen Verhandlungen, sich wehren gegen noch mehr Auftritte
will auch gelernt sein. Wir schwanken zwischen Dankbarkeit und Ablehnung.
Am nächsten Tag ein Fulltime-Programm mit 3 Konzerten. Um 5:30 Uhr spielen
wir vor Tor 3 der Gdansker Werft für die Arbeiter auf dem Schichtwechsel.
Die Leute hören freudig mit ein paar Metern Abstand zu. Eines der
eindrücklichsten Konzerte für uns.
Danach folgt eine Führung durch die Werft. Wir staunen nicht schlecht ob den
riesigen Meerschiffen im Rohbau, den 18'000 PS Dieselmotoren... Jeder
Arbeiter weiss genau, wo er was zu tun hat. In der Werft arbeiten
"Blechtreiber" (polnischer Beruf), die mit rhythmisch dröhnenden Schlägen
Beulen ausbessern!
Mit dem Standardmenü, bestehend aus paniertem Schnitzel, Dampfkartoffeln mit
Dill und eingelegtem Kohl füllen wir hastig unsere Magen und bereiten uns
für das nächste Konzert in der BHP-Halle vor. An den Wänden eindrückliche,
schwarz-weisse Photos der Solidarnosc-Bewegung vom Generalstreik 1981 mit
Lech Walesa und sonstigen Helden. Wir besuchen das Hauptbüro der Solidarnosc
und spielen anschliessend dort, wo nach den Unruhen seinerzeit der Vertrag
von Walesa und der Regierung unterzeichnet wurde.
Der Direktor der Werft, Herr Szyz (früher Schütz, er war einmal Deutscher)
schaut persönlich vorbei. Aus lauter Dankbarkeit schenkt er uns allen eine
Uhr und lädt uns zum gratis Übernachten in seinen Yachtclub ein. Wir geben
auch noch ein Konzert für seine Familie.
Also richten wir uns im Yachtclub in kleinen Häuschen ein und fahren sofort
zum Radio. Zwei Stunden live auf Sendung mit Interviews. Wir geben ein super
Konzert, verstehen (zum Glück) nichts von alldem, was live über den Äther
geht. Nur Marcin kann sich kaum auf dem Stuhl halten, einmal mehr werden wir
für eigene Werbezwecke missbraucht. Die grosse Überraschung folgt gleich
darauf: Am Bus wurde eine Scheibe eingeschlagen. Entwendet ist nichts, aber
die Umstände sind um so mühsamer, denn versichert ist Janosz's Bus nicht,
das wäre zu teuer. Müde fallen wir ins Bett.
Am nächsten Tag haben wir endlich Zeit, uns Gdansk anzuschauen. Auch das
Konzert in der Altstadt wird gut. Vorher klären Lali und Marcin noch die
Fronten mit dem Impressario. Er entschuldigt sich und räumt auch die
Lautsprecher und das Mikrofon für seine Ansprache wieder ab.
Mit einem Bierpartei T-Shirt, kleinen Kuscheltieren, einer Minnie Maus und
einem Hund nach Amerikanerart verabschieden wir uns von Impressario und
Presse.
Weiter geht's am Donnerstag, dem 15. Juli, nach Olsztyn. In Mikolajki
schliesslich lassen wir uns auf einem Camping direkt an einem der vielen
Seen nieder und schlagen die Zelte auf. Die folgenden Tage bestehen aus
lauter Egoprogrammen zum entspannen: Kajaklen auf dem See, wandern in der
Umgebung, einkaufen, romantischen Abenden am Lagerfeuer.
Nur die psychopathische Frau des "Campings für mehrbessere Leute" bringt uns
etwas aus der Ruhe: Wir sollen schon am Sonntag und nicht erst am Montag ein
Konzert geben, und überhaupt... So spielen wir am Abend etwas lustlos für
die Deutschen und Polnischen Touristen. Ein paar einzelne interessierten
sich doch ernsthaft für den Panbau, Adressen und Prospekte werden verteilt.
Zum ersten mal in Polen geben uns die Leute Geld für die Musik! Am nächsten
Abend spielen wir mit mehr Freude direkt am See. Mit jedem "Stickschlag" auf
das Pan gibt es eine Mücke weniger! Schliesslich dürfen wir in der Bar
übernachten, nachdem unsere Zelte und Rucksäcke am Nachmittag nach einem
monsunartigen Regenguss fast schwimmen.
In einem Tag geht die Fahrt über 400km nach Krakow (Krakau), und wir nisten
uns in der Jugi ein. Am Donnerstag, dem 22. Juli, fährt uns Janosz nach
"Nowa Huta", dem Eisenverhüttungswerk in einem Krakower Vorort. Nach einer
kurzen Einführung in die Geschichte der Solidarnosc von "Nowa Huta" pfeift
uns ein englisch aussehender Pole stramm zum Bus. Sowohl eine genaue
Namenliste wie auch alle Photoapparate müssen wir abgeben, bevor wir in
"unserem" Bus auf das 18 km2 grosse Gelände eingelassen werden. In
Windeseile fahren und laufen wir an Hochöfen und glühenden Klötzen vorbei.
Nach dem Standardmenu stellen wir unsere Fässer in einem Wohnquartier der
"Nowa Huta" auf. Die wenigen, fast alle sitzenden, Zuschauer lächeln wir
etwas gequält an. Plötzlich taucht noch ein Fernsehteam auf. Bingo! Schon
nach dem ersten Lied "La Colegiala", brechen sie wieder auf. Leicht
enttäuscht fahren wir weiter zum Clubhaus, wo wir herzlich mit Kaffee und
Kuchen empfangen werden. Trotz dem Ausharren vor dem Flimmerkasten sehen wir
uns nirgends. Erst zwei Tage später bringen sie einen Bericht in der
Krakauer Chronik!
Bei den umliegenden Wohnblöcken sammeln wir mit den Around-the-necks eine
Menge Kinder für unser nächstes Konzert an diesem Tag. Die Stimmung ist
super, die Leute machen das erste Mal richtig beim "Akkördlen" mit.
Freitags spielen wir mitten in der Altstadt in der Fussgängerzone. Ein
richtig "fägiges" Konzert mit schöner Kulisse! Mit den unbekannten
Instrumenten ziehen wir viele Zuhörer an.
Am Samstag, dem 24. Juli ist unser letzter Konzerttag. Heute stehen noch die
Salzminen auf dem Programm. Wir quetschen uns in die sardinenbüchsenartigen
Lifte und sausen etwa 100m in die Tiefe. Das wohl Eindrücklichste ist eine
unterirdische Kirche, in der seit einem Jahr wieder Gottesdienste erlaubt
sind.
Unterdessen versuchen einige Mitarbeiter, unsere Fässer für das Konzert
unter dem Erdboden in den Aufzug zu laden. Leider sind die Lifte zu klein
oder die Fässer zu gross! So endet unser letztes Konzert in Polen im Regen.
Ein letztes Mal trinken wir zusammen Kaffee und verabschieden uns schweren
Herzens. Ohne Marcin und auch Martha wären wir oft "verloren" gewesen, sie
haben sich oft für uns gewehrt und sich sehr für uns eingesetzt. Mit unserem
Busfahrer Janosz konnten wir ohne Übersetzung nur Zeichensprache sprechen,
aber er war mit Marcin, Dorota und Martha als treuster Fan an jedem Konzert
dabei.
Voller Eindrücke und mit Pans, die gelitten haben, kommen wir wieder zurück
in unseren gewohnten Alltagstrott...
Sicher werden wir noch lange von diesen farbigen Erinnerungen zehren und
hoffen, dass wir auch für unsere nächsten Konzerte in der Schweiz etwas aus
dieser Tournee mitnehmen können...
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