Pan-Orgel
von Hans
Dibs war wieder da. Genau jener 5jährige Junge wie ich ihn aus dem Buch von
Virginia M. Axline kenne. Schon seit 20 Jahren. Er war immer da, wenn ich im
Panyard übte, still und unauffällig. Doch heute kam er zu mir und sah mich
lange an.
"Ich möchte die Kirche sehen" sagte er, "können wir nicht rüber gehen und
sie uns ansehen?" - "Ich glaube das können wir" sagte ich. Es war ein höchst
ungewöhnlicher Wunsch, aber er hatte mich bisher noch nie um etwas gebeten,
und so wollte ich nicht nein sagen.
Wir verliessen den Panyard und gingen aussen um die Kirche herum. Dibs sah
an ihr empor und war von ihrer Grösse beeindruckt.
"Und jetzt gehen wir hinein. Sehen wir uns das Innere an" sagte er. Wir
gingen die Eingangsstufen hinauf, ich öffnete die Tür, und wir traten ein.
Dibs war winzig neben den aufstrebenden Bogengängen. Er schritt langsam das
Mittelschiff hinunter, lief ein paar Schritte, hielt inne und hob den Blick.
Seine Augen leuchteten, ein Ausdruck von Ehrfurcht und Staunen lag auf
seinem Gesicht. Er war von der Grossartigkeit des Raumes ergriffen. "Ich
komme mir so ganz, ganz klein vor" sagte er, "Ich glaube ich bin
zusammengeschrumpft." Er drehte sich langsam um und betrachtete bewundernd,
was ihn umgab. "Grossmutter sagt, eine Kirche ist Gottes Haus. Ich habe ja
Gott nie gesehen, aber er muss riesig, riesig gross sein, dass er ein so
grosses Haus braucht. Und Jake hat gesagt, dass eine Kirche ein heiliger Ort
ist."
Plötzlich lief er den Gang hinunter auf den Altar zu. Er warf den Kopf
zurück und streckte beide Arme den bunten Glasfenstern über der Kanzel
entgegen. Er wandte sich um und sah mich an. Für einen Augenblick war er
sprachlos. Gerade in diesem Augenblick begann die Orgel zu spielen. Dibs
lief auf mich zu und ergriff meine Hand. "Gehen wir. Gehen wir. Ich habe
Angst" rief er.
"Hat die Musik dir Angst eingejagt?" fragte ich, als wir uns der Tür
näherten. Dibs blieb stehen und sah zurück. "Gehen wir doch noch nicht"
sagte er. Wir blieben stehen.
"Ich habe Angst vor der Grösse, und ich habe Angst vor dem Geräusch" sagte
Dibs. "Aber es ist so schön, dass es mich mit Helligkeit und Schönheit
füllt." - "Du hast Angst davor, und gleichzeitig gefällt es Dir auch?"
fragte ich. "Es ist eine schöne Kirche."
Dibs liess meine Hand los und ging wieder das Mittelschiff hinunter. "Woher
kommt das Geräusch?" - "Ein Mann spielt auf der Orgel, und das Geräusch ist
die Musik, die aus den Pfeifen der Orgel kommt." - "Ich habe noch nie solche
Musik gehört. Mir ist kalt. Sie macht mir Gänsehaut." Er hielt meine Hand
fest umklammert. "Ich habe noch nie etwas so Schönes gesehen." flüstert er,
"Gehen wir hinaus." An der Tür blieb er wieder stehen. "Warte noch" flüstert
er. Er winkte zaghaft zum Altar hin und sagte leise: "Leb wohl Gott, leb
wohl." Wir verliessen die Kirche und gingen zurück. Dibs sagte auf dem
Rückweg kein Wort.
Plötzlich sprach er mich an: "Viele Beeren aneinandergereiht geben eine
Traube, und viele Pans aneinandergereiht geben auch eine Traube, eine grosse
sogar, eine Pantraube, die ein einzelner Mann gar nicht spielen kann, es
braucht deren mehrere, und sie stehen wie Menschlein um diese Traube und
machen Musik. Die Musik geht wie der Wind durch alle hindurch und es gibt
Töne, die du noch nie gehört hast. Töne, die aus der Traube fliessen wie
frischer Saft, und der Raum nimmt sie auf wie eine Schale. Und die Töne
fliessen von der Schale wieder zurück zur Traube. Und sie gibt sie weiter an
die Beeren, und von den Beeren fliessen sie zu den Beeren in den einzelnen
Beeren..."
Ich falle ihm ins Wort: "Du meinst die einzelnen Tonfelder oder unsere
Fingerbeeren?" Er lacht. Ich dachte an unsere schwarzen Pans und wusste
plötzlich, warum sie schwarz sind. Die Trauben an unserem Haus sind auch
schwarz. Ihre Musik möchte ich hören. In einer Kirche. Und Dibs muss dabei
sein.
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